Über den Umgang mit Grenzen
Ein Interview mit Grenzgängern und Menschen, die über ihre Grenzen gehen
Ein Artikel aus dem Tellington Newsletter Den eigenen Grenzen begegnen – eine Forschungsreise von Anke Recktenwald, Feldenkrais Pädagogin, Tellington Lehrer Lev. 3, Centered Riding Instruktorin, Pferdewirtschaftsmeisterin Jeder von uns begegnet irgendwann seinen eigenen Grenzen, immer wieder. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Ich dachte einmal, es sei eine extreme Art seine Grenze zu ver- ändern, wenn man z.B. in 500 m Höhe über eine Slackline läuft, ungesichert, und dass diese Menschen auf der Suche nach ihrer endgültigen Grenze sind. Heute sehe ich das an- ders. Für den, der da drüber läuft, ist es vermutlich einfacher und weniger eine Grenzerfahrung, als für den, der mit seiner extremen Platzangst in einen überfüllten Bus steigt. Beide bewegen sich an Grenzen, und doch mit einem sehr anderen Gefühl.
Ich habe mit ein paar Sportlern geredet, die Dinge tun, bei deren Vorstellung ich schon meine Grenzen sehe. Ich wollte erfahren, wie sie diese Grenzen überwinden, und bin erstaunt über das Ergebnis. Grenzen können sich körperlich, geistig, finanziell, räumlich auftun. Die Frage ist, wie schaue ich sie an, was machen sie mit mir, und was mache ich mit ihnen. Diese Frage habe ich ein paar Menschen aus verschiedenen Bereichen gestellt. Und interessante Antworten bekommen über das persönliche Empfinden und Umgehen mit eigenen Grenzen. Spannende Denkansätze aus verschiedenen Berufs- gruppen und Altersklassen. Ich bin so dankbar für die Ant- worten, sie zeigen Varianten auf, seine eigenen Grenzen neu anzuschauen und anzugehen.
Die Interviewpartner:
Frank Dejori: 43 Jahre, Leistungssportler, Slackliner, Trainer, Coach (Anthony Robbins), Matrix Energetics Practitioner
Steffi Stückl: 33 Jahre, Schreinermeisterin, Mutter von 2 Kleinkindern, hat mehrere Pferde, 1.Tellington Basic Silber Abzeichen
Bernadette Jochum: 46 Jahre, Tellington Lehrerin 1, Centered Riding Instructor Lev. 1, arbeitet im Verlagswesen
Catherin Seib: 31 Jahre, Tierkommunikatorin & Tellington Lehrerin in Ausbildung.
Lukas Huber: 17 Jahre, Schüler, Profisportler aus Brixen (Italien). Weltranglistenfünfter Slackline
Kerstin Müller: (Titefoto) Spring- und Vielseitigkeitsreiterin auf S- Niveau, Pferdewirtschaftsmeister (Reiten + Zucht und Haltung), Sportlehrerin,
Elinor Silverstein: 52 Jahre, Feldenkrais Practitioner, owner the Healthy Dog and Cat, sehr lange und intensive Tellington Erfahrung und liebe Freundin von LTJ
1. Wie definieren sich deine Grenzen, woran erkennst du sie? Frank: Meine Grenzen gibt es nur durch mein Denken, dass es gerade nicht möglich ist. Steffi: Unsicherheit, Angst, Ärgern, Atem anhalten Bernadette: Atem wird schneller, Herzklopfen, hab die Situation nicht mehr Griff, Verlust der Kontrolle über mich, Hilfslosigkeit, habe das Gefühl, es wird über mich entschieden, Angst zu versagen, fühle mich unter Druck, Angst der Anforderung nicht gerecht zu werden, es nicht leisten zu können. Catherin: Ich komme an das Ende meiner emotionalen Reichweite, kann nicht mehr spüren, was richtig und falsch ist, ich bekomme kein Bauchgefühl mehr. Lukas: Ich mache mir die Folgen dessen bewusst, was ich vorhabe. Sind die Konsequenzen zu groß (Verletzungsrisiko), mache ich es erst gar nicht. Anke: Spannung aufbauen im Körper vor allem im Kiefer, harte Augen, Atmung flacher, unflexibler im Denken und Bewegen. Kerstin: Meine Grenzen definieren sich körperlich, geistig, finanziell und zeitlich, wobei auch der wirkliche Wille entscheidend ist. Die Grenze ist für mich, wenn etwas aus dem Normalbereich fällt, dass von mir höhere Anstrengung abverlangt. Elinor: Ich spüre ein Kribbeln in meinem Rücken. Ich fühle mich unsicher und unwohl.
2. Was brauchst du, um die Grenze verändern zu können? Was nutzt du dafür? Frank: Ich bin sicher, dass jede Grenze auflösbar ist. Dazu habe ich meine Erfahrungen. Ich erinner mich, wie es mir gelungen ist und vertraue darauf, das es auch jetzt geht. Und ich visualisiere die Lösung. Steffi: Erst mal mache ich mir bewusst, was ist. Dann: tief durchatmen, kurz raus aus der Situation und dann einen anderer Weg probieren. Bernadette: Ich brauche Stressfreiheit, Unterstützung, keinen Druck, dass man mir Freiwilligkeit lässt und ich weiß, ich werde auch so akzeptiert Catherin: Ich suche erst meine Erdung, denke mir tiefe Wurzeln in die Erde. Normalerweise lasse ich mich ausdehnen, weit. Wenn ich an meine Grenzen komme, ziehe ich alles zurück in den Kopf und von da in Füße und Erde. Ich brauche Ruhe dazu. Dann den anderen Weg erspüren. Wenn das nicht genug ist, nehme ich Abstand und setzte später neu an. Lukas: Ich stell mir vor, wie es ist, wenn ich es schaffe, ob die Menschen dann anders denken. Ich will genauso gut oder besser sein als andere. Zeigen, dass ich auch was drauf habe. Anke: Wenn ich es erkenne, ein Schritt zurück, mir klar machen was ich eigentlich will, mich an meine Grundideen von Entwicklung erinnern, Wege überlegen und die dann visualisieren und/oder einfühlen. Reicht das nicht, überlegen, wen ich fragen könnte, überlegen, was der/die antworten könnte. Oder mir vorstellen, was könnte das Schlimmste sein, das mir passiert, wenn ich es tue. Das ändert oft die Risikoeinschätzung. Ist das Risiko zu groß: Aufgabe verschieben. Kerstin: Mein Willen und meine Zielstrebigkeit. Dass ich daran glauben kann, dass es möglich ist. Elinor: Ich spüre meinen Körper, erinnere mich an mein Wissen über Lernen und frage mich, wie ich das als mein eigner Lehrer anwenden kann. Ich nehm es als Lernaufgabe. Dann atmen. Ich achte darauf, dass es mich nicht zu sehr verunsichert, ängstigt. Ich erinnere meinen Körper wieder daran, sich wohl zu fühlen.
3. Wo seht Ihr Eure Grenzen als Lehrer? Wie geht Ihr damit um? Frank: Wenn ich keine passende Lösung habe, dann frage ich den, der lernen will, welchen Weg er sich zu einer Lösung vorstellen könnte. Eine andere Variante ist, anderen zuzuschauen, die das unterrichten, was ich lehren möchte und deren Erfahrungen zu nutzen. Steffi: Ich frage jemand, lese nach oder lasse einen Fachmann/ frau kommen. Bernadette: Ich mag die Supervision oder ich frage jemanden mit mehr Erfahrung. In der Situation erst mal die Aufgabe verändern, damit wir aus dem Tunnel rauskommen. Catherin: Ich hole mir Hilfe von andern Menschen und Tieren, vor allem von den Tieren. Aber auch Profis für das Thema. Und dann schaue ich nach Fortbildungen: Wo kann ich noch Erfahrung ausbauen, weiter lernen. Ganz wichtig finde ich die Idee der Wahrheitsänderung. Oft glauben wir nur, dass es so ist. Es ist nur unser Glaubensmuster im Moment. Lukas: Ich denke, als Lehrer ist es wichtig, sich weiter zu bilden oder zu akzeptieren, dass mein Schüler klüger oder besser ist. Anke: Wissen anderer nutzen. Kerstin: Gute Umgangsformen und Menschlichkeit einhalten. Fair bleiben. Ich muss in meiner Mitte sein, dann gelingt fast alles. Elinor: Ich liebe es, meine Schüler zu fragen, wenn die eine Antwort wissen, die ich nicht weiß. Oder ich sage: „Das ist eine gute Frage. Ich werde nach einer Lösung suchen und so schnell wie möglich zu dir zurückkommen.“
4. Was geschieht mit dir, wenn du eine deiner Grenzen auflösen kannst, was nutzt es dir? Frank: Ich erweitere mein Bewusstsein, es wird immer klarer, dass es keine Grenzen gibt, außer denen, die ich mir selber setzte. Und wenn die aufgelöst ist, suche ich mir die nächste Aufgabe. Steffi: Freude kommt auf und Mut für den nächsten Schritt. Bernadette: schon ein Glücksgefühl und es erweitert den Horizont. Catherin: Ich fühle mich lebendig, das ist, was das Leben lebenswert macht. Grenzen auflösen heißt für mich: neu sein, frisch sein, frei sein. Ich hab dann eine neue Kraft hinzu gewonnen Lukas: Es sind nicht unbedingt Grenzen, eher Levels, die ich erreiche. Und dann baut eins auf das andere auf. Anke: Euphorie, Mut für die nächste Herausforderung, Vertrauen in mich selber. Kerstin: Ich bin ein Stück weiter gekommen, bin stolz und zufrieden. Ich weiß, ich bin auf dem richtigen Weg (sportlich). Elinor: Ich bin sehr achtsam, wenn es darum geht, meine Grenzen aufzulösen. Meist so achtsam, dass ich mich gar nicht dahin begebe. Mein Großvater war Deutscher und lehrte uns sehr achtsam zu sein mit Perfektionismus.
5. Was ist deine Motivation, eine Grenze aufzulösen? Frank: Ich kann wachsen, in jeder Situation, was auch immer ich tue, mich weiter entwickeln. Und ich habe Spaß dran, wenn ich es als Herausforderung und nicht als Grenze sehe. Ich fühle mich bei nichts so lebendig wie beim Auflösen meiner Grenze. Steffi: Ich kann weiter kommen mit mir, dem Pferd, der Aufgabe. Bernadette: Ich bin gar nicht wirklich daran interessiert, sie aufzulösen, ich möchte sie lieber akzeptieren. Catherin: Vor allem motiviert mich die Angst vor Stillstand und einer beschränkten Sicht. Denn dadurch entsteht Unverständnis. Unverständnis verhindert Liebe und ich möchte in einer liebevollen Welt leben. Lukas: Meine Motivation ist gleich gut zu sein wie die besten auf der Welt, oder sogar einer der besten, und für das muss man trainieren und immer mehr Sachen dazulernen. Anke: Es schafft mir persönliche Freiheit. Kerstin: Erfolg, Anerkennung, Selbstbestätigung, das Wissen, das Optimale aus einer Situation gemacht zu haben. Elinor: Als Kind war ich extrem beharrlich und habe ein „Nein“ nie als Antwort akzeptiert. Heute lasse ich mich vor allem von dem Wunsch, zu lernen und mehr zu verstehen und das dann mit anderen zu teilen, motivieren.
Mein Resümee der Reise: Gerade die Menschen, die ich für besonders „mutig“ hielt, sind sehr achtsam mit ihren Grenzen. Allerdings sind es für sie auch keine Grenzen, sondern Aufgaben. Es war schon schwierig im Gespräch, dass sie überhaupt verstanden, was ich meine. Grenzen sind für sie, wenn ihre Muskeln müde werden, zu wenig Zeit oder zu wenig Geld. Wie kommt das? Sie gehen nicht mit „Gewalt“ in eine Situation, die sich für sie nicht gut anfühlt. Sie achten ihre Empfindungen und wägen ab. Sie suchen nach sicheren, guten Wegen weiter zu kommen, wenn etwas gerade noch nicht möglich ist. So haben sie viele Erfolgserlebnisse und gute Gefühle und wenig negative oder schmerzhafte Erfahrungen. Das ist ihre Motivation für den nächsten Schritt. Ihr Spaß daran weiter zu kommen, statt sich begrenzen zu lassen. Moshe Feldenkrais sagte „Lernen kann nur Früchte tragen, wenn der ganze Mensch dabei bereit ist zu lächeln und dieses Lächeln jederzeit und unmittelbar in Lachen übergehen kann“. Genau das ist ja auch der Ansatz unserer Arbeit mit den Tieren. Sichere Wege zu finden, Möglichkeiten zu schaffen sich weiter zu entwickeln und dann mit Freude zu erkennen: „Ich kann“ statt unter Stress zu fühlen: „Ich muss“. Eine Lösung zu finden statt mit Anstrengung, Gewalt und Druck weiter zu gehen.
Wer unangenehme Erfahrungen macht auf neuen Wegen, wird wenig Lust verspüren weiter zu experimentieren. Elinor hat das sehr gut ausgedrückt, als sie sagte, sie versuche ihr eigener Lehrer zu sein. Sich anzuschauen, wie gehe ich gerade mit mir um, und dann zu hinterfragen, wie würde ich das „Problem“ für meinen Schüler / mein Tier lösen. Wie kann ich die Prinzipien der Tellington-Arbeit für mich in dem Moment anwenden, um meine Wei- terentwicklung möglich zu machen. Darin liegt für mich die Antwort auf die Frage: Wie gehe ich mit meinen Grenzen um, wenn ich sie als solche wahrnehme? Ich liebe diese Zitat von Manfred Winterheller: „Es gibt kein Problem ohne Lösung. Aber es gibt viele Lösungen ohne dazugehörendes Problem!“
Anke Recktenwald
Agression basiert fast immer auf Angst
oder wie Gerald G. Jampolsky sagt: Du bist nie aus dem Grund verstimmt, den du annimmst. Immer wieder sieht man sie, die Menschen die ungerecht sind zu Pferden – und manchmal ist man einer davon. Einer von denen, die das Pferd für etwas bestrafen, dass es nicht versteht. Härter mit ihm umgehen, als sie es wollen. Denn eigentlich wollte man ja ein vertrauensvolles, freundliches, schönes Zusammensein mit dem Pferd. Und dann hat man sich doch wieder geärgert, wurde doch wieder sauer, dass das Pferd nicht tat, was es sollte. Und man setzte die Gerte mal fester ein, übersieht die Muskeln die sich schmerzhaft zusammenziehen. Ruckt am Kopf und schaut dabei nicht in die angstgeweiteten oder schmerzhaft ergebenen Augen. Tritt mal fester in den Bauch und merkt das verschreckte Luftanhalten nicht. Schickt es jetzt doch mal mit mehr Druck in eine unbequeme Richtung. Schließlich kann man das „unerwünschte Verhalten“ ja nicht durchgehen lassen. Doch wenn die Arbeitseinheit beendet ist, bleibt ein schaler Geschmack, ein ungutes Gefühl, denn eigentlich …. will man so gar nicht mit seinem Pferd umgehen. Auch das Leckerli am Ende macht das Pferd nicht vergessen, das man es seinen Ärger spüren lies. Oft schiebt man das Erlebte dann weg, oder schaut nach „den Andern“, die nicht nett zu ihrem Pferd, die doch viel schlimmer sind, als man selbst. Und redet sich sein eigenes „unerwünschtes Verhalten“ schön……. Bis man es wieder tut. Mir hilft es oft, die Menschen zu verstehen, wenn ich darüber nachdenke, warum ein Pferd ein unerwünschtes Verhalten zeigt und wie ich damit umgehe. Bei einem Pferd bin ich mir sicher, dass es 3 Gründe für unerwünschtes Verhalten gibt: 1. Es versteht die Aufgabe nicht 2. Es ist körperlich nicht in der Lage es auszuführen 3. Es fürchtet sich
Ignoriere ich diese Gründe und verlange weiterhin einfach nur die Ausführung meiner Wünsche werden die Pferde „gefährlicher“. Sie wenden mehr Kraft an, um der Aufgabe zu entgehen, sie beginnen zu rempeln, zu zwicken oder zu treten. Sie verhalten sich „aggressiver“ und diese Aggression basiert auf ihrer Angst. Der Angst es falsch zu machen, der Angst vor den Schmerzen, die es körperlich auslöst, der elementaren Überlebensangst. Meine Aufgabe als guter Pferdemensch ist es, herauszufinden welcher der 3 Punkte zutrifft und die Übung dann so zu verändern, dass ich sicherstellen kann, das Pferd versteht mich, meine Anforderung passt zu seinen körperlichem Möglichkeiten und es fürchtet sich nicht. Wenn ich glaube alle Punkte erfüllt zu haben und es tut es noch immer nicht, forsche ich noch mal genauer. Gerade beim letzten Punkt braucht es oft genaueres Hinsehen, da wir nicht immer verstehen können, was für einen Anderen „furchtbar“ sein kann. Und oft geht es uns sogar mit uns selbst so. Den auch wir agieren hart, wenn wir Angst haben. Jampolsky schreibt: „Du bist nie aus dem Grund verstimmt, den du annimmst.“ Und das ist auch beim Pferdetraining wahr. Der Reiter, der unnachgiebig in die Zügel greift, fürchtet sich oft vor Kontrollverlust, vor dem Pferd das zu schnell wird und er herunterfallen könnte. Das ist leicht zu erkennen, doch ebenso fürchtet sich der Reiter, der sein Pferd die Gerte spüren lässt, so dass seinen Muskeln vor Schmerz zusammen zucken, wenn es nicht vorwärts geht. Er fürchtet sich vielleicht vorm Gelächter seinen Reiterkollegen, davor nicht „gut genug“ zu sein, für die Andern, die ihm zuschauen. Der andere hat eng verschnallte Hilfszügel drauf, weil er denkt, sein Pferd wird krank, wenn er es anders reitet. Doch oft sind die Ängste viel tiefer unten und erscheinen nicht auf den ersten Blick. Die Ängste beeinflussen unser Verhalten und nicht immer ist es leicht, sie zu entdecken. Manchmal braucht es das Gespräch mit einem weisen Freund oder Coach, um dem auf die Sprünge zu kommen, das einen so hart werden lässt. Manchmal genügt schon allein die Erkenntnis – manchmal braucht es auch noch etwas Hilfe beim neuen Weg. Doch es gibt ihn immer, den Weg aus der Angst in die Gelassenheit.
Nicht umsonst heißt schon der 2. Punkt der Skala der Ausbildung „Los-Gelassenheit“.
Erst wenn sie im Reiter vorhanden ist, kann sie im Pferd entstehen. Reiten schult den Menschen, sagt man. Ja! Das tut es! Doch nur, wenn der sich auch die Aufgabe stellt, seine Emotionen zu kontrollieren. Wenn er lernt seinen Aggressionen wahrzunehmen und NICHT danach zu handeln. Wenn er nach einem Grund in sich selber sucht, für seine Wut, seinen Zorn, seinen Ärger. Und seinem Pferde gegenüber freundlich bleibt. Dann ist es eine wahrhaft meisterliche Menschenschule, das Leben und Arbeiten mit dem Pferd. Eine Schule, die ein freundlicheres Miteinander möglich macht – ein friedliches Leben.
Die Wege aus der Aggression, die Wege aus der Angst, die man beim Pferd lernte, kann man nahezu überall anwenden. Ich liebe es, diese Wege zu entdecken, zu gehen und zu lehren. Man kommt immer noch ein bisschen leichter und fröhlicher vom Pferd zurück nach Hause. Denn dann genießt man die Freundschaft des Pferdes, lebt seinen Traum und das Herz schlägt stärker. ![]()
Die Reset Taste
Eines der wichtigen Dinge, die ich gerne unterrichte, ist die innere „Reset“ Taste.
Wenn der Moment kommt, in dem sich das Reiten nicht mehr gut anfühlt, man beginnt in die Anstrengung zu kommen, sei es um Auszusitzen, um das Pferd zu lenken, oder weil man „nicht alles auf einmal“ kann, dann verliert das Reiten und die Kommunikation mit dem Pferd schnell an Qualität.
Dann ist er gekommen, der Moment für die „Reset“ Taste. Anhalten! Oder Schritt am langen Zügel, wenn Stehen nicht so leicht ist.
Wichtig: Aufhören mit dem, was man gerade tut. Einen Moment in sich gehen, zentrieren, durchatmen, erden, sich fragen: Was will ich eigentlich? Wo will ich hin? Fühle ich mich sicher? Versteht mich mein Pferd gerade überhaupt?
Und dann erst einen neuen „Plan“ erstellen. Visualisieren, wohin, wie und in welcher Qualität. Was brauchen wir, ich und das Pferd, um das umsetzen zu können? Und erst wenn die Vorstellung klar ist und auch angenehm, wieder beginnen, von dem Ort aus, an dem man sich wohl fühlt.
Oft sehe ich Reiter, die ihr Pferd nicht auf der Linie halten können und „kämpfen“, dass es nicht in die Mitte geht. Ich frage dann oft: „Wo willst du hin?“ Und sie sagen: „Nicht in die Mitte.“ Ich sage, „Ok, aber Wo willst du hin?“ Und wieder höre ich: „Nicht in die Mitte.“
Dann sage ich. „Stopp! Halte an. Wenn du weißt, dass du nicht nach Köln willst, fährt dein Auto noch lange nicht nach Düsseldorf :-)“
Dann orientiert sich der Reiter neu, sucht sich ein Ziel und reitet dahin. Und das Pferd versteht und folgt.
Ebenso kann es beim Aussitzen sein. Es schmerzt, es verspannt, es fühlt sich nicht gut an, weder für’s Pferd noch für den Reiter. Doch der Reiter macht weiter…. wofür? Wie soll es besser werden, wenn ich nur mit Schmerz und Spannung beschäftigt bin?
Anhalten, Schritt reiten, wenige Tritte traben, so viele, wie sich gut anfühlen. Wird es unbequem, durchparieren. Wozu üben, was verspannt. Und nach ein paar Wechseln werden die Strecken immer länger, in denen man qualitätsvoll aussitzen kann.
Oder ich seh einen Reiter, der keine meiner Ideen mehr umsetzt und sauer wird, auf mich, weil ich zu viel will, auf das Pferd, weil es nicht gehorcht und dann … Stopp!!
Und er atmet einmal durch und ich frage: „Was ist los?“ und er sagt. „Mir sind viel zu viele Reiter in der Bahn, das macht mir Stress.“
Und wir gehen raus, aus dieser Bahn, arbeiten auf einer andern, oder im Wald, und die Qualität ist wieder da.
Der Weg zu mehr Leichtigkeit und schnellere Erfolg:
Innehalten – Klarheit schaffen – Lösungen erkennen und in guter Qualität umsetzen.
Was passiert im Körper, wenn wir Angst haben?
Ein Artikel aus dem Tellington Newsletter den ich mit Fotos und Tellington Tipps ergänzt habe:
Ein Interview mit Lily Merklin, Instruktorin der Tellington TTouch Methode und Psychologin in der Schweiz
Bei Angst reagiert der Körper, indem er das Lebewesen auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion vorbereitet.
Was passiert im Körper, wenn wir Angst haben?
Das bedeutet im Einzelnen, dass sich die Aufmerksamkeit erhöht, die Pupillen weiten, unsere Sinne schärfer sind, Muskelspannung, Herzfrequenz und Blutdruck steigen,
die Atmung flacher und schneller wird. Die Tätigkeit des Verdauungssystems wird währenddessen gehemmt. Und zum Teil treten nach außen wahrnehmbare Reaktionen
wie Schwitzen, Zittern oder Schwindel auf. Interessanter Weise unterscheidet der Körper dabei nicht zwischen echter Bedrohung und eingebildeter. Entscheidend für das Ausmaß unserer Angst ist also alleine unsere Einschätzung der Situation, nicht deren objektive Gefährlichkeit. Kurzfristig macht uns Angst reaktionsbereiter. Wir können besser fliehen und/oder kämpfen. Auf Dauer macht sie uns aber krank.
Erstens ist es schlicht und ergreifend anstrengend. Du musst dir das vorstellen wie einen Motor, der permanent auf Hochtouren läuft. Das kann zu Bluthochdruck, Probleme mit dem Verdauungstrakt, Schlafstörungen und chronischen Schmerzen führen – um nur einige Folgen zu nennen.
Was passiert bei Angst in unserem Gehirn?
Spannenderweise scheinen hier das Erkennen von Gefah- ren und die körperliche Reaktion getrennt verarbeitet zu werden. Mit Hilfe des Hippocampus (Vgl. Wikipedia: Als Hippocampus bezeichnet man eine im Temporallappen gelegene Struktur des Gehirns. Sie gehört zu den evolutio- när ältesten Teilen des Gehirns).Mit Hilfe des Hippocampus nehmenwir wahr, vor was wir uns fürchten. Die Amygdala (spielt eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren. Sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen) hingegen ist zuständig für die körperliche Angstreaktion. Beide sind Teil des limbischen Systems und damit ganz generell an der Regulierung von Emotionen beteiligt.
Im Bezug auf Angstauslöser erweist sich die Amygdala als äußerst lernfähig. Sie verknüpft Ereignisse mit Emotionen und speichert diese ab. Bei wiederholter Darbietung sinkt die Auslöseschwelle. Reize werden schneller als gefährlich eingestuft, es kommt zu einer Generalisierung. Physiologisch ist die Amygdala übererregt. Das bedeutet, dass Situationen, die irgendwelchen Ereignissen ähneln, die mit einer Gefahr, Schmerzen oder Leid verbunden waren, starke somatische Reaktionen auslösen. Dabei ist es vollkommen egal, ob sie (bewusst) erinnert werden oder objektiv vergleichbar sind.
Wie erkenne ich Symptome der Angst bzw. auf was kann ich als Lehrer achten?
Während Tiere sehr schnell merken, dass jemand Angst hat, fehlt uns Menschen hier der siebte Sinn. Wenn unsere Schüler vor Angst zittern oder schwitzen ist es im Grunde schon zu spät. Meideverhalten ist ein guter Indikator. Wenn jemand etwas nicht machen will oder „es plötzlich nicht mehr klappt“. Subtiler sind Veränderungen der Atmung, im Sprechrhythmus, dem Klang der Stimme, der Körperhaltung und dem Gesichtsausdruck. Reiter fangen an zu klammern oder sich an den Zügeln festzuhalten, Hundebesitzer ziehen an der Leine oder nesteln an ihrem Hund rum, reden „beruhigend“ auf ihn ein oder streichen ihm nervös über das Fell. Ein besonders ergiebiger Indikator ist die Partie um den Mund: Zähne zusammenbeißen, auf den Lippen herumkauen oder den Nägeln können ebenfalls auf Angst hindeuten. Auf jeden Fall würde ich mich nie nur auf die Rückmeldung meines Schülers verlassen. Viele haben verlernt, ihre Angst zu spüren. Oder trauen sich nicht, sie zuzugeben.
Das biologische Gefühl der Angst ist lebenswichtig, aber wenn die Angst in bestimmten Situationen uns überkommt, werden wir oft handlungsunfähig. Was können wir mental und physisch tun, um aus diesem Angst- Zustand herauszukommen?
Effektiver ist es, gar nicht erst in den Zustand der Angst hineinzukommen. Die Idee von Angst ist nämlich, dass wir reagieren um zu überleben. Wir werden also eher denk- als handlungsunfähig. Das ist beim berühmten Löwen, der vor uns steht, auch sinnvoll (Da müssen wir nur funktionieren, nicht denken.), passt aber leider zu den meisten „Gefahren“ der modernen Welt nur eingeschränkt.
Wenn wir jedoch merken, dass Angst im Anzug ist, helfen ganz klassisch atmen (vor allem ausatmen) und bewegen. Es gibt ganz neue spannende Forschungsergebnisse, die untermauern, was wir in der Tellington-Arbeit schon lange anwenden: Vom starr stehen bleiben, geht die Angst nicht weg. Aber Bewegung hilft, sie abzubauen. Alternativ können wir auch etwas tun und uns sehr konkret auf dieses Tun konzentrieren. Wenn wir merken, dass unser Schüler Angst hat, nehmen wir ihn am besten an die Hand (im direkten oder übertragenen Sinn) und sagen ihm ganz genau, was er tun soll. Bis er wieder selber denken und handeln kann.
PS: Wir können auch selber unser Lehrer sein und uns in einer Stresssituation genau sagen, was wir tun sollen. Aber bitte: Das gilt alles nur für Situationen, in denen Angst dysfunktional ist. Wenn ich in Gefahr bin, sollte ich lieber weglaufen als mich auf meinen ruhigen Atem zu konzentrieren!
Angstreaktionen können sich auch verselbständigen und den Menschen in seinem Verhalten bestimmen. Wie können wir mit unserem Tellington Handwerkzeug helfen, diesen Prozess aufzulösen?
Einen instinktiv ablaufenden Prozess aufzulösen, ist immer schwierig. Besser, gerade im Sinne der Traumaforschung, ist es deshalb, ihn vorher zu beeinflussen. Also erste Anzeichen erkennen, Überforderung vermeiden (Prinzip der kleinen Schritte) und Selbstwirksamkeit fördern (dem Menschen/ Tier Wahlmöglichkeiten lassen und ihn/es dazu befähigen, diese wahrzunehmen). Bei der Arbeit mit Plastik zum Beispiel machen wir etwas, das die Therapeuten Pendeln nennen. Wir wechseln zwischen einem sicheren Ort und dem angstauslösenden Gegenstand. Wir zeigen dem Tier also, dass es immer wieder an diesen sicheren Ort zurückkommt und dass es sich der „Gefahr“ nähern kann, ohne Angst haben zu müssen. Dabei ist stets darauf zu achten, dass die Erregung nicht zu sehr steigt. Das Nervensystem muss immer wieder Zeit haben „herunterzufahren“. Für Lindas Empfehlung, viele Pausen zu machen, gibt es also auch eine physiologische Erklärung.
Was auch immer hilft, wenn die Erregung zu hoch wird oder Angst ins Spiel kommt, sind Maul- Mundarbeit (Verbindung zum limbischen System), atmen und ein Bewusstmachen des Körpers – was damit beginnt, den eigenen Körper wahrzunehmen.
Es heißt, Bewegung baut Stress und Angst ab. Können wir daraus eine Art „Angstabbau-Übung“ entwickeln?
Auf jeden Fall: Ein Tier, das Angst hat, sollte man nicht festhalten bzw. zum Ruhigstehen zwingen, sondern langsame, kontrollierte Bewegung zulassen. Das sehe ich übrigens als einen der Hauptverdienste von Lindas Arbeit, diese geniale Kombination aus Boden- und Körperarbeit.
„Wenn du in einem Streit gewonnen hast, kannst du das ruhig als Niederlage betrachten“
„Heut hat er wieder seinen Dickschädel“ – „Zeig ihr mal, wer der Boß ist.“ Solche und ähnliche Sprüche hört man immer wieder in der Reiterwelt. Das Pferd will sich nicht unterordnen, nicht gehorchen, streitet sich mit uns, ist bockig und so weiter. Und wir sollen ja das Pferd nicht „gewinnen“ lassen, hören wir dann.
Doch, um es mit den Worten von Linda’s Schwester Robyn Hood zu sagen, „Was ist der Preis? Was gibt es hier zu gewinnen?“
Wenn ich meinen Schülern diese Frage stelle: „Was hat dein Pferd denn davon, dass es nicht tut was du möchtest?“ überlegen die Meisten erst mal eine Weile.
„Es muss sich halt nicht anstrengen.“ kommt dann. Und ich frage: „Wirklich?“
Denn in den meisten Fällen gibt es dann erst mal Streit. Da wird gezerrt, geschimpft, gekickt, gehauen ….ziemlich unangenehm für das Pferd.
Und diesen Preis soll es gern bezahlen, dafür dass es sich jetzt gerade vielleicht nicht richtig biegen „wollte“. Weil das Biegen ja so viel unangenehmer wäre, als all das, was im Streit mit seinem Mensch geschieht???
„Es darf dann wieder auf die Koppel zu seinen Freunden“ ist ein anderer Satz, wenn das Pferd, z.b. nicht alleine vom Hof möchte und der Mensch nachgibt. Und ich frage: „Und warum ist das so viel schöner, als bei dir zu sein? Warum ist das all den Streit hier wert, das Ziehen und Zerren und Kreise laufen und dazu ein ärgerlicher Mensch?“
„Weil es dann machen kann was es will, fressen.“ lautet oft die Antwort. Ja, Pferde fressen gern und lange, dafür ist ihr Verdauungssystem angelegt und sie möchten gern gesund bleiben. Doch sie fressen keine 24 lang. 16 – 18 h reichen. Die eine Stunde kommen sie gut ohne Essen aus. Und selbst 24 h Weide in der Herde ist irgendwann langweilig.
Manche beginnen nun nachzudenken, und erkennen, dass ihr Pferd gar nichts „gewinnt“, wenn sein Mensch mit ihm streitet, egal wie der Kampf ausgeht.
Und was gewinnt der Mensch, frag ich mich, wenn er sich als Sieger fühlt? Das Pferd läuft jetzt dahin wo er will. Super.
Doch was ist der Preis, den er dafür zahlt? Das Vertrauen ist gebrochen. Denn für das Pferd bleibt die Erfahrung, dass sein Mensch sich nicht im geringsten dafür interessiert, wie es ihm geht, ob es Angst oder Schmerzen hat, oder ob es etwas nicht versteht oder ausführen kann.
Es hat die Erfahrung gemacht, dass sein Mensch es nicht hört, nicht sieht und nicht versteht. Das es nicht „funktioniert“ hat, wie es sollte. War es das wert? Die Lektion noch mal geritten zu sein? War das Gefühl, dass ich durch diesen Kampf in meinem Pferd auslöse, diese Minute des „Sieges“ wert? Und wie geht es dem Mensch nach diesem Streit? Ist es dieses Gefühl, dass man sich wünscht, wenn man mit seinem Pferd zusammen ist? Das man es „besiegt“ hat? Und es nun weiß, dass es zu dienen hat?
Es ist nicht das Gefühl, nach dem ich suche, wenn ich mit Pferden meine Zeit verbringe. Ich möchte, dass die Pferde ebenso viel Freude und Erfolg haben, in unserer gemeinsamen Zeit, wie ich.
Linda hat mich gelehrt: Wir spielen Detektiv. Wenn das Pferd nicht tut was ich möchte, dann will ich herausfinden woran es liegt. Was ist die Ursache dafür.
Meine 3 Hauptpunkte:
Kann es „körperlich“ schmerzfrei ausführen was ich möchte?
Hat es wirklich verstanden, was ich möchte?
Kann es die Aufgabe angstfrei lösen?
In den meisten Fällen liegt die Antwort in einer der 3 Fragen. Manchmal ist eine unerkannte Krankheit die Ursache, oder eine andere körperliche Ursache, manchmal weiß das Pferd nicht wirklich, was es wie machen soll und in anderen Fällen hat es einfach Angst und sie wird nicht erkannt.
Wer auf die Suche nach den Ursachen geht und sie behebt, und wer sich als der Klügere sieht, der nachgibt, der muss keinen Streit mehr gewinnen, denn er streitet sich erst gar nicht.
Und ein Pferd, dass sich gesehen und verstanden fühlt, dem man hilft, statt es zu zwingen, wird ein Freund, der mit einem durchs Feuer geht.
Viele Pferde haben mir in den letzten 20 Jahren gezeigt, wie sehr ich mich auf sie verlassen kann, wenn es mal schwierig wird. Denn sie wissen, dass sie sich auch auf mich verlassen können, wenn es schwierig für sie wird. Und darin sehe ich eine partnerschaftliche Beziehung zum Pferd. Wir sind gleichwertig, wenn es darum geht, dass es uns gut geht und wir tun beide unser Bestes um uns gegenseitig zu unterstützen, zu fördern und eine schöne Zeit miteinander zu haben.
Sicher bin immer ich es, der die Aufgabe entscheidet, das Wann, das Was, das Wie und Wo. Doch ich entscheide mich für die Aufgaben und Wege, die uns beiden Freude machen und gut tun. Das seh ich als meine Aufgabe, als Mensch im Leben eines Pferdes. Kreativität und Intelligenz sind einige der Eigenschaften, die es uns möglich machen über andere Lebewesen zu bestimmen. Wenn wir sie gut einsetzen, können wir harmonisch und friedlich miteinander leben.
„Wenn du in einem Streit gewonnen hast, kannst du das ruhig als Niederlage betrachten“ Frank Dejori
– mit Anke Recktenwald und Frank Dejori.
